Vortrag von Prof. Dr. Christoph Markschies in der Stiftskirche Stuttgart, 12. November 2006

Es gibt, meine Damen und Herren, ohne Zweifel Situationen, die man nie vergißt. Und ebenso gibt es Gottesdienste, die unvergeßlich bleiben, Predigten, deren Anfänge man wörtlich zitieren kann. Bei der Wiedereinweihung des restaurierten Berliner Domes am 6. Juni 1993 begann der damalige rheinische Präses und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche der Union, Peter Beier (1934-1996), seine Predigt mit folgenden, mir jedenfalls unvergeßlichen Worten: "Die Wahrheit braucht keine Dome. Das liebe Evangelium kriecht in jeder Hütte unter und hält sie warm. Die Evangelische Kirche braucht auch keine Dome. Und wenig Repräsentanz. Sie hat keinen Teil an Triumphen von gestern. Tunlichst. Bescheidenheit steht ihr an. Und Knappheit". Die anfänglichen Worte Beiers standen in einem deutlichen, bewußt gewählten Kontrast zu Gold und Marmor des Neorenaissance-Baues, zu dem goldbestickten Samt seiner Kaiserloge, der versammelten Politikerschar mit dem damaligen Bundeskanzler Kohl an der Spitze. Beiers anfängliche Paukenschläge machen darauf aufmerksam, daß man - jedenfalls nach evangelischem Verständnis - Gottesdienst auch in einer Scheune feiern kann, es für die evangeliumsgemäße Verkündigung des Wortes Gottes und die stiftungsgemäße Feier der Sakramente, die nach den Worten des Augsburger Bekenntnisses zur wahren Einheit der Kirche genug ist (CA VII), im Grunde nur ein Dach und vier Wände braucht. Fast vierhundertfünfzig Jahre vor Präses Beier weihte Martin Luther ebenfalls eine Hofkirche (wie der Berliner Dom bis 1918 eine Hofkirche war) ein, die zum Renaissanceschloß von Torgau gehörende Schloßkirche, zwei Jahre vor seinem Tod am 5. Oktober 1544. In seiner Einweihungspredigt hat Luther die Einsicht, daß es für die Wahrheit des Evangeliums keine Dome braucht und man Gottesdienst auch in einer Scheune feiern könne, unmißverständlich und sogar noch ein wenig radikaler formuliert: Die neue Schloßkirche sei keine besondere Kirche, "als wäre sie besser denn andere Häuser, da man das Wort Gottes predigt. Fiele aber die Not vor, daß man nicht wollte oder könnte hierin zusammenkommen, so möchte man wohl draußen beim Brunnen oder anderswo predigen" (W A 49, 592). Gleich zu Beginn seiner Einweihungspredigt sagt der Reformator über "dies neue Haus", "daß nichts andres darin geschehe, denn daß unser lieber Herr selbst mit uns rede durch Gebet und Lobgesang" (W A 49, 588); Beten und Gott danken soll aber, wie Luther ausführt, ein Christenmensch den lieben langen Tag, auf der Arbeit, in der Freizeit, zu Hause, in einer Fabrik, am Schreibtisch, im Restaurant, und Sonntags zur Not in einer Scheune oder eben am Brunnen. Dome braucht es da in der Tat nicht, oder wie Präses Beier es positiv wendete. "Das liebe Evangelium kriecht in jeder Hütte unter und hält sie warm".

 

Nun haben wir uns nicht in einer Hütte versammelt, sondern in der Stuttgarter Stiftskirche und wollen angesichts des Anlasses auch nicht über das Predigen am Brunnen und Gottesdienste in Scheunen nachdenken - dazu braucht es keine Kirchenführungen und keine, wie man heute sagt, Kirchenraumpädagogik. Ich habe, als wir vor Zeiten das Thema dieses Vortrags verabredeten, angesichts des Kirchenraumes, in dem wir uns versammeln, vorgeschlagen, über das Thema "Kirche im gotischen Raum" zu sprechen, also über die Frage, wie Kirche mit einem bestimmten Baustil - eben dem gotischen - umgegangen ist, als es nicht mehr modern war, Kirchen im gotischen Stil zu bauen. Eigentlich hätte ich meinen Vortrag "evangelische Kirche im gotischen Raum" nennen müssen, denn darüber zu sprechen, bin ich als evangelischer Kirchenhistoriker halbwegs qualifiziert, aber angesichts der ökumenischen Ausrichtung des heutigen Nachmittags habe ich mich auch um katholische Beispiele bemüht. Der Vortrag hat drei Abschnitte: In einem ersten werde ich ein paar charakteristische Beispiele für den Umgang von Kirche mit gotischem Raum vorführen, in einem zweiten fragen, wie eine Kirche des einundzwanzigsten Jahrhunderts in sinnvoller Weise mit einem gotischen Raum umgehen kann und in einem kurzen Schlußabschnitt noch einmal auf die beiden zitierten Einweihungsprediger zurückkommen.

 

(1) Der Umgang der Kirchen mit gotischen Räumen - einige charakteristische Beispiele

Das erste charakteristische Beispiel eines Umgangs mit gotischer Kirche ist, das wird kaum verwundern, diese Kirche selbst, genauer ihr frühgotischer Chor und vor allem das spätgotische Langhaus. Der frühgotische Chor wurde allein aus liturgischen Gründen notwendig, als Graf Eberhard der Erlauchte vor 1321 das Chorherrenstift von Beutelbach samt der Grablege seiner ?hier fehlt ein Wort (Familie)? nach Stuttgart verlegte und nun Platz für einen Propst, zwölf Chorherren und zwölf Vikare im Chorgestühl der neuen Stiftskirche brauchte, der Hochaltar der neuen Kirche war allein der Geistlichkeit des Stiftes vorbehalten (Wais/Diehl, Die Stuttgarter Stiftskirche, 18f.). Eine berühmte Urkunde des Grafen vom 25. Januar 1321 bestimmte, daß die Stiftsgeistlichkeit bei beständiger Residenz am Ort den Gottesdienst halten sollte und "für das Wohlergehen und Glück von Grafen und Herrschaft und das Seelenheil für alle gräflichen Vor- beziehungsweise Nachfahren" beten (O. Auge, Stiftsbiographien, 64f.). Das spätgotische Langhaus führt sich dagegen auf Graf Ulrich V., den Vielgeliebten, zurück, der im Rahmen seiner umfassenden Fürsorge für die Stadt Stuttgart das Langhaus der spätromanischen Stadtkirche, das der frühgotische Chor längst deutlich überragte, durch einen Neubau ersetzen ließ, ein sichtbares Zeichen, daß die Stiftskirche Hauptkirche Württembergs in der Hauptstadt des Landes geworden war und der Stiftspropst Hauptgeistlicher Württembergs. Vor der Zerstörung dieses spätgotischen Langhauses durch zwei Bombenangriffe im Jahr 1944 machte die Kirche, auch bedingt durch eine spätgotische Neueinwölbung des frühgotischen Chores, einen sehr einheitlichen Eindruck. Die romanische dreischiffige Basilika war in eine fünfschiffige Staffelhalle umgestaltet worden, wobei das kräftig höhere Mittelschiff (14,4 Meter) deutlich von den Seitenschiffen und Kapellen (9,34 Meter) getrennt war und die durch den Südturm bedingte Verschiebung der Achsen von Chor und Mittelschiff durch einen Brückenlettner am Chorbogen abgemildert wurde. Den so überkommenen gotischen Kirchenraum mit einer großen, im Jahre 1500 errichteten Goldenen Kanzel nutzten Stadt und Stift bis zu dessen Aufhebung im Zuge der Reformation ab 1534, danach und seither eine evangelische Gemeinde, allerdings zweimal im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert unterbrochen durch eine Phase der Rekatholisierung. Große Umgestaltungen wurden, sieht man einmal vom Abbruch des Lettners, der Ersetzung des Chorgestühls durch die berühmten Grafendenkmäler von Sem Schlör, den Einbau von Emporen und die Beseitigung der Seitenaltäre ab, am Raumgefüge der Staffelhalle und des Chores nicht vorgenommen, die evangelische Kirche richtete sich im gotischen Raum der Stiftskirche Stuttgarts so wie anderswo ein: ständisches Gestühl, Epitaphien und Orgeln, ein wenig radikaler, als beispielsweise in Nürnberg, wo die gotischen Seitenaltäre blieben, aber doch noch vergleichsweise konservativ.

 

Erst als nach den Luftangriffen des Jahres 1944 die Kirche nicht nur die Gewölbe des frühgotischen Chores und des spätgotischen Langhauses verloren hatte, sondern die südliche Außenwand des Langhauses und eine der beiden Arkaden, die das Mittelschiff begrenzten und die Gewölbe trugen, zusammengefallen waren, brach eine heftige Diskussion über den Wiederaufbau aus - und damit sind wir nun endlich bei unserem Thema: dem Umgang von Kirche mit dem gotischen Raum in der Gegenwart. Photos der frühen fünfziger Jahre zeigen die ausgebrannte Kirche: Die Pfeiler der stehengebliebenen Südarkade, die Haupt- und Seitenschiffe des spätgotischen Langhauses trennte und die Gewölbe trug, ist aus dem Lot gerückt sowie durch die Hitze des Brandes zerrissen, die Säulen selbst durch den Feuersturm bröselig geworden und verunstaltet. Der ebenfalls schwer beschädigte Westturm ist, da ihn die Mittelschiffsarkaden nicht mehr stützen, gegen das Langhaus mit großen Baumstämmen abgestützt. Eine erste, freilich noch nicht im Bewußtsein der Endgültigkeit erfolgte Vorentscheidung für den Wiederaufbau war im Jahr 1950 der aus statischen Gründen notwendige Abriß der Südarkade und die dadurch bedingte vollständige Zerstörung der spätgotischen Raumstruktur. Was in den folgenden Jahren geschah, kann man sich bei einem Vergleich der Stuttgarter Stiftskirche mit dem Dom in Würzburg klarmachen. Auch in Würzburg waren in den fünfziger Jahren beide begrenzende Arkaden zwischen Haupt- und Seitenschiff der barockisierten romanischen Pfeilerbasilika gefallen - 1946, also nach dem Ende der Bombardierungen, war zunächst aus statischen Gründen die nördliche Arkade eingestürzt und aus denselben Gründen mußte 1956 auch die südliche Wand abgetragen werden. In Würzburg entschloß man sich aber zu einer Wiederherstellung der romanischen Dreischiffigkeit und mauerte - allerdings zunächst ohne den barocken Stuck - in den folgenden Jahren die beiden Arkaden wieder auf und legte eine romanisierende Holzdecke über das Mittelschiff. Im südlichen Seitenschiff wurde die barocke Stuckierung vor dem Abbruch der Arkade geborgen und wieder angebracht, im nördlichen Schiff lediglich andeutend rekonstruiert und im Mittelschiff gänzlich auf sie verzichtet. Ganz anders in Stuttgart: Im Chor rekonstruierte man frühgotische Gewölbe oder das, was man dafür hielt, obwohl diese bescheidenen Gewölbe des vierzehnten Jahrhunderts im fünfzehnten bereits durch spätgotische ersetzt worden waren, die zerstörte südliche Außenwand baute man in zeitgenössischen Formen wieder auf und überwölbte den ganzen Raum mit einer riesigen, dunklen an italienische Vorbilder der Romanik erinnernden Holztonne, die in keiner Weise an die Baugeschichte oder Baugestalt der untergegangenen Stiftskirche anknüpfte. Kritiker wiesen schon unmittelbar nach Abschluß des Wiederaufbaus darauf hin, daß die Stiftskirche nun einer Turn- oder Stadthalle gleiche, man könnte etwas polemisch auch von einer Predigtscheune sprechen, denn als Gleichgewicht zum im Raum nun deutlich sichtbaren Untergeschoß des Südturms wurde ein freigestellter Pfeiler mit einem neorealistischen Gerichtsengel und einer Kanzel mit überdimensioniertem Schalldeckel zur Linken des Chorbogens aufgestellt. Die Frage, ob dem Wiederaufbau des Architekten Hans Seytter nicht doch ein architektonischer Wert zukam und die gefundene Lösung nicht nur repräsentativ für den Stil der fünfziger Jahre genannt werden muß, sondern auch ein eigenständiges theologisches Konzept evangelischen Kirchenbaus repräsentiert, möchte ich heute nachmittag nicht diskutieren - vielleicht waren für den Verzicht auf eine Wiederherstellung der ursprünglichen Fünfschiffigkeit ja nicht nur theologische und denkmalpflegerische Gründe, sondern schlicht auch die Finanzen verantwortlich: Beim Wiederaufbau des spätgotischen Domes in Fürstenwalde bei Berlin hat man ebenfalls die Dreischiffigkeit des im fünfzehnten Jahrhunderts erbauten und 1945 weitgehend vernichteten Raumes aufgegeben, aber die halbzerstörten Arkaden frei im Raum stehengelassen und die Pfeilerfundamente der zerstörten Arkadenpfeiler im Chor nicht beseitigt und so den freien Blick in das rekonstruierte gotische Dach eröffnet; eine künftige Wiederherstellung von Arkaden und Gewölben ist ohne Mühe möglich. Um solche Details der Rekonstruktion geht es mir aber gar nicht; dann müßte man auch über Gustav Leonhardts Gegenentwürfe zu den Planungen des ausführenden Architekten Hans Seytter sprechen und die Debatte um die jüngsten Umbaumaßnahmen des Architekten Bernhard Hirche oder gar dessen Arbeit selbst kommentieren. Mir geht es aber heute nachmittag um etwas anderes, nämlich die theologisch begründete - oder soll ich sagen: bemäntelte - Radikalität im Umgang mit einem überkommenen kirchlichen Bauwerk.

 

Eine solche Radikalität wird man dem Wiederaufbau der Stuttgarter Stiftskirche nicht absprechen können. Als ich vor nunmehr rund dreißig Jahren den relativ düsteren Bau besuchte, empfand ich den Wiederaufbau als ein aggressives Terrorattentat auf einen höchst qualitätvollen früh- und spätgotischen Bau. Das ist natürlich ein schroffes, vielleicht auch zu schroffes ästhetisches Urteil - aber schon damals verwunderten mich die theologischen Argumente, mit denen in den ausliegenden Broschüren und Kirchenführern dieser umgestaltende Wiederaufbau begründet wurde, der 1956 abgeschlossen war und für den, wie gesagt, der Architekt Hans Seytter verantwortlich zeichnete. Eine fünfschiffige Staffelhalle (manchmal sprach man auch von einer dreischiffigen Basilika) sei katholisch, der Struktur des evangelischen Predigtgottesdienstes nicht angemessen und auch baulich unpraktisch: Man könne schließlich nicht von allen Plätzen die Kanzel sehen. Die neue Halle empfand man als protestantischen Predigtraum und in ihrer Nüchternheit, wohl auch als Ausdruck der Buße angesichts der schrecklichen Verwicklungen, die zur Zerstörung der alten Stiftskirche geführt hatten - in einigen Publikationen der letzten Jahre fällt das Wort "Karfreitagskirche". Einmal abgesehen davon, ob überhaupt jeder und jede, die den Gottesdienst besucht, die Kanzel sehen möchte und ebenso abgesehen von der Frage, ob hier unter dem Stichwort "Karfreitagskirche" nicht nachträglich theologisiert wurde, was damals auch schlicht Stil der Denkmalpfleger und ästhetisches Empfinden der fünfziger Jahre war - die Radikalität, mit der hier unter Berufung auf theologische Gedanken einem historischen Bau Gewalt angetan wurde, erstaunt, vorsichtig gesprochen, erschreckt, etwas deutlicher formuliert.

 

Eine solche Radikalität, mit der bestimmte theologische Gedanken einem Bau aufgezwungen werden, ist aber natürlich kein Spezifikum der Männer und Frauen, die für den Wiederaufbau der Stuttgarter Stiftskirche in den fünfziger Jahren verantwortlich waren. Als Student arbeitete ich in den frühen achtziger Jahren am Marburger Institut für Kirchenbau und Kirchliche Kunst der Gegenwart und betreute ein Projekt, das unter dem Arbeitstitel "Liturgie und Denkmalpflege" firmierte. Vermutlich wegen der Brisanz der Ergebnisse ist nie publiziert worden, was der junge Student bei Fahrten ins hessische Land herausfand und aufschrieb - denn er konnte eine ganze Reihe solcher theologisch motivierter Terrorattentate auf historisch gewachsene Gebäude beobachten. Da hatte beispielsweise ein Pfarrer einer bei Marburg gelegenen Dorfkirche die gesamte barocke Ausstattung dieser Kirche entfernen lassen und anstelle des kleinen barocken Holzaltars ein massiven Steinaltar aus zwölf Blöcken setzen lassen, dahinter auf den zugemauerten Chorfenstern ein Fresko mit dem apokalyptischen Lamm und anderen Motiven aus der Offenbarung Johannis im ästhetischen Stil der frühen sechziger Jahre - und das alles, weil er als Mitglied der evangelischen Michaelsbruderschaft architektonische Zeichen einer Rückbesinnung auf Kult und Gottesdienst setzen wollte; die schlichte hessische barocke Dorfkirche mit ihren besonderen Sitzplätzen für die Familie des adligen Patrons und der zentralen Stellung der Kanzel empfand er offenkundig als Zeichen eines predigtzentrierten, allzu protestantischen Gottesdienstverständnisses, das beseitigt werden mußte.

 

Mit der Erwähnung der Kanzel ist ein anderes charakteristisches Thema angeschnitten, an dem man die schroffe Radikalität im Umgang mit gewachsenen Kirchenbauten aus der Gotik in einigen, nicht allen deutschen Landstrichen beobachten kann. Ich wähle dazu - und bitte um Nachsicht dafür - ein Beispiel aus meiner Heimatstadt. Die Ihnen vielleicht bekannte hochgotische Berliner Marienkirche unter dem Fernsehturm, alte Kirche des Magistrats der Stadt und Pfarrkirche einer mittelalterlichen Neustadt, erhielt im Jahre 1703 eine neue, hochbarocke Kanzel des Architekten Andreas Schlüter. Schlüter schnitt dazu einen gotischen Pfeiler der das Mittelschiff begrenzenden Nordarkade auf, trug den unteren Teil ab und ersetzte ihn durch vier Sandsteinsäulen, die eine Platte tragen, auf der der verbliebene gotische Säulenstumpf ruht. An den Säulen hängt zum einen der Kanzelkorb, zusätzlich scheinbar von zwei Engeln, die auf Podesten über dem Kirchenboden stehen, an flatternden Bändern gehalten und hängt zum anderen ein von einem Strahlenkranz bekrönter Schalldeckel. Diese Kanzel brachte Schlüter direkt an der ersten Säule hinter der Orgelempore und also relativ weit entfernt vom gotischen Chor der Kirche an; vermutlich gab es, wie in der Leipziger Thomaskirche, direkt unter dem Kanzelkorb einen kleinen Altar, der mindestens für die Wochengottesdienste benutzt wurde. Entsprechend wurde der ganze gotische Bau in der Folge auf die Kanzel als neuem liturgischen Zentrum umorientiert: 1728 brach man eine Magistratsloge gegenüber der Kanzel in die Südwand der Kirche ein, und stellte das ganze Gestühl so auf, daß man die Kanzel besser sehen konnte - bis auf den heutigen Tag sind die Bänke auf den ursprünglichen Standort der barocken Kanzel ausgerichtet, so daß man den Kopf ziemlich weit nach rechts wenden muß, um auf den Hauptaltar im Chorhaupt zu blicken. Von dem ursprünglichen Standort der Kanzel spreche ich, weil in den Jahren 1945/1946 die Kanzel abgebrochen, der kastrierte gotische Pfeiler wiederhergestellt und an seiner Stelle ein anderer Pfeiler durchtrennt wurde. 1945/1946 wurde die leicht beschädigte Marienkirche, die als einzige Kirche im unmittelbaren Berliner Stadtzentrum noch benutzbar war, für den gottesdienstlichen Gebrauch wieder hergerichtet. Auf besonderen Wunsch des Generalsuperintendenten Otto Dibelius, der sich unmittelbar nach 1945 "evangelischer Bischof von Berlin" nannte und damit in der Kirche auch durchsetzte, sollte die alte gotische Kirche dabei in einen "evangelischen Dom" umgestaltet und als Bischofskirche hergerichtet werden. Der eingangs erwähnte Berliner Dom, präziser die "Oberpfarr- und Domkirche", die alte Hofkirche der Hohenzollern, war schwer beschädigt und nur in ihren Kellerräumen benutzbar, außerdem war Dibelius einstmals an dieser Kirche mit einer Bewerbung um eine Pfarrstelle gescheitert und verspürte offenkundig wenig Neigung, sie zu seiner Bischofskirche zu machen. Wenn die mündliche Überlieferung stimmt, so erklärte Dibelius den für den Wiederaufbau Verantwortlichen, daß eine Kanzel im evangelischen Kirchenraum auf die linke Seite des Kirchenschiffs vor den Hauptaltar gehöre und nicht an den Eingang, wie Schlüter es für die Marienkirche ausgeführt hatte. Entsprechend wurde der Kanzelkorb nun um fünfundvierzig Grad gedreht am ersten freien Pfeiler der Arkade vom am Hauptaltar angebracht - wer dort, wie ich jedes Semester im Universitätsgottesdienst, predigt, steht also leicht verdreht im Kanzelkorb und muß seine Unterlagen auf einem Holzpult ablegen, das originale barocke Pult, von kleinen Engeln getragen, liegt genau einem Pfeiler gegenüber. Während der Bischof Dibelius die Ansicht vertrat, in einer evangelischen Kirche gehöre die Kanzel vorn links an den Altar, haben viele katholische Pfarrer nach der Liturgiereform des zweiten vatikanischen Konzils ihre Kanzeln gleich beseitigt, oder, falls die Denkmalpflege solche Terrorattentate verhindern konnte, außer Gebrauch gestellt. Mich bekümmert es immer, große gotische und barocke Kanzeln in katholischen Kirchen so ohne Funktion zu sehen, gelegentlich auch schon ohne eine Treppe, um sie je noch betreten zu können. Rechtfertigt denn das Argument, daß man nicht von oben herab predigen soll, wirklich die Ersetzung aller Kanzeln durch Lesepulte? Ist denn schon sichergestellt, daß der Prediger auf Augenhöhe seiner Gemeinde spricht, bloß deswegen, weil er auf Augenhöhe mit ihr steht? Auch hier scheint mir ein charakteristisches Beispiel vorzuliegen, wie man mit vorgeblich guten theologischen Gedanken einen radikalen Eingriff in einen Kirchenraum durchführen kann, etwas unfreundlicher gesprochen: ein Terrorattentat auf einen historisch gewachsenen Kirchenraum durchführen kann und sich so um das Glaubenszeugnis seiner Mütter und Väter im Glauben bringt.

Mit der Formulierung "sich um das Glaubenszeugnis seiner Mütter und Väter im Glauben bringen" habe ich unversehens schon die Leitthese meines zweiten Abschnittes genannt, die ich nun explizieren möchte.

 

(2) Der Umgang der Kirchen mit gotischen Räumen- ein Kriterium für eine sinnvolle Nutzung überkommener Kirchenräume

Die Leitthese für den zweiten Abschnitt ist schon genannt: Wenn wir unter Berufung auf gute, häufig aber auch sehr zeitbedingte, einseitige oder gar schlechte theologische Gründe unsere Kirchenräume so radikal umgestalten wie die Verantwortlichen in den genannten Beispielen, bringen wir uns um das Glaubenszeugnis unserer Mütter und Väter im Glauben. Wir hören nur uns selbst, gestalten nur nach unserem eigenen Geschmack und bleiben also immer bei uns selbst. Das kann natürlich niemand wünschen. Was für ein Glaubenszeugnis gibt aber ein gotischer Kirchenraum? Was predigt er uns Nachgeborenen, wenn wir auf ihn zu hören versuchen? Diese Frage müssen wir beantworten, bevor wir ein Kriterium einer sinnvollen Nutzung überkommener Räume formulieren können. Bevor ich aber auf die Frage antworte, was ein gotischer Raum predigt, muß ich zunächst eine knappe Vorbemerkung einschieben, die das Verhältnis von Theologie und Kirchenbau betrifft. Natürlich gibt es keine schnurgerade Beziehung zwischen einer bestimmten Theologie und einem bestimmten Baustil, wie beispielsweise der Gotik. Vor reichlich zehn Jahren habe ich nicht weit von hier, in Tübingen, im Rahmen meiner Probevorlesung gezeigt, daß es nicht einfach irgendwann einmal eine neue Theologie im Hochmittelalter gab, die dann plötzlich zur gotischen Architektur führte, sozusagen eine einheitliche "Theologie der gotischen Kathedrale", vielmehr bevorzugten die Bauherren bestimmte architektonische Neuerungen des Hochmittelalters, weil sie noch aus der Antike stammende Elemente einer Theologie des Kirchenbaus besonders gut zur Geltung bringen konnten. Die architektonischen Neuerungen dieses Baustils, der als Baubewegung an mehreren Orten der Île-de-France im 12. Jh. begann (und nicht mit einem einzigen Gründungsbau), kann man sich selbst in einem so veränderten Bau wie der Stiftskirche noch deutlich machen: Durch die Einführung neuer Bautechniken und eine stärkere Normierung von Bauabläufen und verwendeten Materialien - Fachleute sprechen vom Stapelbau -, konnte der Bau deutlich höher angelegt werden und die Fensterflächen deutlich größer angelegt werden - die Fachleute sprechen von einer diaphanen Wand - und diese Auflösung der Wand ist viel wichtiger als der Spitzbogen, an dem der Laie die Gotik identifiziert. Durch diese Neuerungen wurde aber der Lichteinfall deutlich gesteigert, das Gebäude heller und prächtiger als die es umgebenden niedrigen Häuschen und auf diese Weise der Gleichnischarakter eines Kirchengebäudes verstärkt. Mit dem Stichwort "Gleichnischarakter" meine ich: Der Kirchenbau selbst konnte durch die genannten architektonischen Einfälle der gotischen Baubewegung für seine Besucher als ein Vorschein, als ein Abbild des Himmelreiches, des himmlischen Jerusalem, der Gottesstadt wahrgenommen werden, als ein dem Alltag entrückter Raum des Heiligen, der die Andersartigkeit des göttlichen Lebens zeichenhaft vermittelte und in der Liturgie - vor allem durch die Eucharistie, durch Sakramentschau und Schaumonstranz - sinnlich erlebbar machte. Denn vom Himmelreich, vom himmlischen Jerusalem und der Gottesstadt wußte man, daß Gott in einem unzugänglich strahlenden Lichte wohnt, wie es im Neuen Testament heißt, daß er von einer Symphonie reiner Farben und reiner Lichtwesen, den Engeln, umgeben ist und die Ausmaße dieser Himmelsstadt unvergleichlich groß sind - so ein Konsens unterschiedlichster Theologien seit der Antike. Der lichte, hohe, helle gotische Kirchenraum allzumal in seiner spätgotischen Ausführung, war ein deutlich besseres Abbild und Gleichnis als der niedrige, dunkle, trutzburgartige romanische Kirchenraum - ungeachtet aller Bedeutung von Mode und freiem Architekteneinfall, die die Einführung der sogenannten gotischen Architektur natürlich auch begünstigt haben. Für die Richtigkeit der hier vorgetragenen These - daß die architektonischen Neuerungen, die wir erwähnt haben, den Gleichnischarakter des Kirchengebäudes für das Reich Gottes verstärkten und für den Geschmack der Zeitgenossen besser zur Darstellung brachten als ein romanischer Kirchenbau, - spricht, daß die mit den architektonischen Neuerungen der Île-de-France einigermaßen zeitgenössische scholastische Theologie sehr sorgfältig über die verschiedenen Typen von Gleichnis und Abbild nachdachte - mit Details will ich Sie aber heute nachmittag verschonen.

 

Wir können vielmehr nun auf der Basis unserer Beobachtungen zur theologischen Botschaft, die gotische Architektur vermittelt, Kriterien einer sinnvollen Nutzung überkommener (gotischer) Kirchenräume formulieren, die selbstverständlich auch auf Gotteshäuser in anderen Baustilen übertragen werden dürfen. Ein gotisches Kirchengebäude ist nicht sinnvoll genutzt, wird nicht sinnvoll renoviert oder sinnvoll wiederaufgebaut, wenn die spezifisches Botschaft, Gleichnis des Reich Gottes zu sein, aus vorgeblich guten theologischen Gründen beseitigt oder so überdeckt wird, daß kein kunsthistorischer oder theologischer Laie sie mehr wahrnehmen kann. Beispielsweise, wenn aus einem Gleichnis des Himmelreiches eine schlichte Predigtscheune gemacht wird, weil man gerade mit der Vorstellung vom lichten Himmelreich, von den Lichtleibern der Engel und Gott im unzugängliche Lichte, große theologische Probleme hat: Ein großer Neutestamentler des letzten Jahrhunderts hatte alle diese Vorstellungen in einem berühmten Vortrag zur Entmythologisierung des Neuen Testaments vor württembergischen Pfarrern in Alpirsbach als "erledigt" bezeichnet - sicher nicht sein klügster Einfall. Denn die gotischen Kirchengebäude bewahren nur im Modus der Architektur die Möglichkeit, vom Himmelreich oder von den Engeln Gottes zu sprechen, auch wenn wir mit unserer persönlichen Theologie diese biblischen Topoi gerade nicht selbst formulieren, mit eigener Theologie einholen können. Nur so bewahrt aber evangelische wie katholische Theologie das Hoffnungspotential, das im Leben wie im Sterben, am Krankenbett wie auf dem Friedhof tröstet.

 

Wie dieses Kriterium nun konkret in Kirchen zur Geltung gebracht werden kann, ob beispielsweise die jüngste Umgestaltung der Stuttgarter Stiftskirche durch Bernhard Hirche diesem Kriterium entspricht, weil sie versuchte, eine Osterkirchen aus der Karfreitagskirche der fünfziger Jahre zu machen und so eine zeitgenössisch transformierte Form der Grundidee gotischer Kirche in den geschändeten Bau zurückbrachte - solche schwierigen Fragen kann man nicht im Rahmen einer allgemeinen Kriteriologie beantworten, sondern nur in sorgfältiger Analyse und Interpretation einzelner Bauten. Keine Sorge - die nehme ich jetzt natürlich nicht vor, dazu sind ja auch eher die berufen, die heute eine Kirchenführerdiplom erhalten, an ihren jeweiligen Orten und natürlich die evangelischen Christenmenschen Stuttgarts, die Gemeinde dieser Kirche, die entscheiden muß, ob die Leinensegel im Dach des Hauptschiffes der Stiftskirche wirklich an die verschwundenen gotischen Gewölbe erinnern oder - wie jüngst formuliert wurde - als "intellektuelle Fingerübung" (Martin Nitschke) ?hier fehlt ein Verb?. Kriterien wie das hier entfaltete einer sinnvollen Nutzung überkommener Kirchenräume - Achtung vor der Predigt der alten Räume zu haben und sie als Chance theologischer Vertiefung unserer eigenen Predigt zu begreifen - bewähren sich natürlich nur in konkreter Anwendung in konkreten Orten für eine konkrete Gemeinde, Besuchergruppe oder wen auch immer. Auf solche Konkretisierungen verzichte ich also lieber und komme zum Schluß.


(3) Der Umgang der Kirchen mit gotischen Räumen -
einige Schlußbemerkungen

Allzumal die evangelischen Theologen gefallen sich seit Martin Luther in der Negierung der theologischen Bedeutung des Kirchenbaus. Ich hatte Eingangs Präses Beier zitiert mit dem Anfang seiner Predigt zum Abschluß des Berliner Domwiederaufbaus 1993, "Die Wahrheit braucht keine Dome. Das liebe Evangelium kriecht in jeder Hütte unter und hält sie warm. Die Evangelische Kirche braucht keine Dome." In Wahrheit predigt auch der Berliner Dom anders. Nicht jedem gefällt diese Predigt des nationalen kaiserzeitlichen Protestantismus - überlebensgroße Statuen der Reformatoren, natürlich nur Männer - und der evangelischen Landesfürsten, ebenfalls nur Männer, leicht angestaubt, mehr grau als weiß. Aber wer sich etwas auf den Bau einläßt, entdeckt auf Marmor und in Gold wunderbare Bibelsprüche, Grundtexte evangelischer und hoffentlich auch ökumenischer Theologie, über die sich nicht nur während langweiliger Predigten zu meditieren lohnt und trefflich meditieren läßt, die Seligpreisungen der Bergpredigt in der Kuppel, ein Bekenntnis zur ewigen Unzerstörbarkeit der Gottesworte direkt über der Kaiserloge, die nicht einmal zwanzig Jahre in Benutzung war, während das Gotteswort noch heute in dieser Kirche gepredigt wird. Und wer sich Kirchengebäuden einmal so nähert, wird dann auch darauf aufmerksam, daß Martin Luther schon 1521 in seinem "Sermon von den dreierlei guten Gründen, das Gewissen zu unterrichten", das dreiteilige mittelalterliche Kirchenbauschema von Kirchhof, Langhaus und Chor mit der Einteilung der Stiftshütte in atrium sanctum und sactum sanctorum verglichen hatte und wegen seiner Gleichnisfähigkeit als Ordnungsstruktur auch für protestantische Kirchen akzeptiert hatte.

 

Natürlich könnte auch in Scheunen und am Brunnen gepredigt werden - da hat Luther recht -, aber solange Geld da ist, noch Geld da ist, sollten wir die unterstützende Wirkung der Architektur und Kunst für unsere Gottesdienste nicht ohne Not ausschlagen und vor allem überlieferte Gebäude sehr sorgfältig pflegen, zu verstehen und zu erklären versuchen, als eine missionarische Chance annehmen. Es ist ja nicht auszuschließen, daß der Kirchenraum besser und verständlicher predigt, als die Geistlichkeit, die es darin ebenfalls mit diversen Worten versucht. Die theologische Neubewertung des Kirchenraumes in den vergangenen Jahren und die dadurch bedingte Entstehung der Kirchenraumpädagogik ist, wenn sie nicht in Infantilitäten abgleitet, nicht nur eine theologisch, liturgisch, missionarische sachgemäße Entwicklung, sondern durchaus auch ein ökumenisches Ereignis, weil es die Kirchen aufeinander zu führen könnte, jedenfalls dann, wenn wir die Besinnung auf die Kirchenräume nicht nur dazu nutzen, unsere konfessionellen Sondertheologien zu akzentuieren - nach dem Motto: protestantische Predigtscheune hier - barockes Mysterientheater dort. Sondern beispielsweise an gotischen Kirchenräumen wie dem Freiburger Münster oder der Nürnberger St. Lorenzkirche nun gemeinsames Erbe und uns verbindende Theologumena entdecken. Dazu leisten viele unter uns ihren Beitrag und natürlich insbesondere die, die heute ein Kirchenführerzertifikat erhalten. Entsprechend herzlich und dankbar gratuliere ich Ihnen und wünsche für Ihre Arbeit alles Gute. Vielen Dank.