Grußwort Prälatin Wulz zum Initiativtag Kirchenpädagogik in Ulm 2004
Kirchenräume – Gotteshäuser --- das Thema ist dran. Und daß so viele gekommen sind, zeigt nur, wie aktuell dieses Thema ist. Es ist nicht zu übersehen, daß in der letzten Zeit eine neue Sensibilität gewachsen ist: selbst in einer so form-losen und die äußeren Formen so nachlässig behandelnden Kirche wie der unseren.
Das hängt sicherlich auch damit zusammen, daß die scheinbaren Selbstverständlichkeiten nicht mehr ganz so selbstverständlich sind.
Wenn die Umnutzung von Kirchengebäuden kein Tabu mehr darstellt, wenn in der Zeitung vom Verkauf von Kirchengebäuden zu lesen ist, dann wird das auf einmal wieder interessant. Und zwar so interessant, daß einem die Augen dafür aufgehen, welche Schätze Kirchenräume darstellen. Denn was bedroht ist, wird in seiner Bedeutung eben ganz anders, ganz neu wahrgenommen.
Kirchenräume – Gotteshäuser.
Der Chorraum des Münsters ist da nun wirklich etwas sehr besonderes --- da ist so viel zu sehen – vom Chorgestühl bis zum Altarbild, von den Glasfenstern bis zu den Grabplatten und unzähligen Details, die Ihrer Entdeckung harren. Sie können hier Stunden sein und hätten immer noch nicht alles gesehen --- geschweige denn die biblischen und kunstgeschichtlichen Spuren entdeckt und entziffert und in ihrer Bedeutung verstanden.
Aber manchmal denke ich:
Es kann auch ein Segen ein, eine nicht ganz so bedeutende Kirche zur Verfügung zu haben.
Und deshalb erfüllt mich die Geschichte von Jakob, der auf einem Stein schlief und den Himmel im Traum offen sah, auch ein bißchen mit Neid.
Der Stein, der als Kopfkissen diente – oder als Schutz, der wird gesalbt und wird zum Erinnerungszeichen für das Haus Gottes – Beth El –denn so sagt es Jakob:
Wie heilig ist diese Stätte. Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels.
Mehr braucht es nicht. So einfach, so schlicht kann das alles sein.
Nun wissen wir aber auch, daß es so einfach nicht weitergegangen ist – und auch nicht so schlicht geblieben ist.
Im Gegenteil: der Tempel von Bethel mit seinem Betrieb wurde Lieblingsgegenstand der prophetischen Kritik. Und wenn es religiös-entleerte, ideologisch-stabilisierende civil-religion anzuprangern galt, dann Bethel dafür die erste Adresse.
Menschen brauchen Räume. Bauen Häuser --- auch wenn sie wissen, daß der Gott des Himmels in keinem Haus wohnt und sich nicht von unserem abgegrenzten und umzirkelten Häusern einfangen und einsperren läßt.
Trotzdem brauchen wir Häuser --- in denen ein anderer Geist und eine andere Geschichte präsent sind als die, die uns täglich umgeben.
Aber das heißt eben auch: Kirchenräume, Gotteshäuser sind keine reinen Räume, keine reinen Häuser.
Sie haben Anteil an der menschlichen Geschichte - voller Eitelkeit und Machtstreben, voller Geltungsdrang, aber auch voller Frömmigkeit, voller Sehnsucht und voller Hoffnung.
Alles ist hier zu sehen – und mit Händen zu greifen. Der Stolz der Menschen und ihr Glaube, ihr Vertrauen in den einen Gott.
Dafür ist das Münster nun ein sehr gutes Beispiel und ein eindrucksvolles Anschauungsobjekt. Denn dieses Haus hier nun hat ziemlich alles erlebt, was es an Menschengeschichte in Ulm zu erleben gab: nur um die Bandbreite anzudeuten: das geht von den Soldaten Napoleons bis hin zum Ulmer Bekenntnistag am 22. April 1934.
Was ist nun das Besondere an Kirchenräumen?
Ich greife eine Bemerkung von Fulbert Steffensky auf, der einmal sagte:
In der Kirche muß ich nicht eloquent sein.
Ich verstehe das so: hier muß ich nicht reden, sondern hier wird zu mir geredet.
Und in der Fremde des Raumes erfahre ich etwas, das über meinen Alltag hinausgeht und über meinen Erfahrungshorizont hinausreicht.
Eine Konfirmandinmutter sagte mir einmal: In der Kirche will niemand etwas von mir --- hier kann ich sein, wie ich bin und wer ich bin.
Das wäre also ein Teil dieses Raumes: das wunderbare Geschenk, in der Fremdheit des Raumes ein neues Gefühl für sich selbst bekommen --- und dabei wahrzunehmen, daß ich in einer Reihe von Generationen stehe --- verbunden durch dieselben Texte und Lieder, Gebete und Hoffnungen. Mein Ich also eingebunden zu sehen in einen ganz großen, die Zeiten überspannenden Zusammenhang.
Noch einmal F. Steffensky:
Ich muß mir nicht in Dauerreflexion und Dauerberedung sagen, wer ich bin; was der Sinn und das Ziel meines Lebens und Sterbens ist. Der Raum redet zu mir und erzählt mir die Geschichte und Hoffnung meiner Toten und lebenden Geschwister. und so baut er an meinen Wünschen und Lebensvisionen.... Auch das ist Kirche: die Möglichkeit der eigenen Kargheit zu entkommen.
Der eigenen Kargheit entkommen --- das ist ein schönes Bild und eine attraktive Einladung.
Eine Einladung, die von Menschen verstanden wird, die – wie es im Ps 84 ganz wörtlich heißt – Pilgerwege in ihrem Herzen haben.
solche lassen sich nämlich einladen --- sie lassen sich einladen und machen sich auf den Weg: Zum Haus Gottes, um dort eine Andersheit zu erleben und zu erfahren, die mich nicht wiederholt, sondern von mir wegführt und mich so heilt.
Sie haben sich einladen lassen --- Sie sind aufgebrochen, nach Ulm gekommen --- lassen Sie uns gemeinsam Psalm 84 beten.